Andacht

Gott, der Christus vom Tod auferweckt hat, wird auch eurem sterblichen Leib das Leben schenken durch seinen Geist, der in euch wohnt. (Römer 8,11)

Liebe Leserin, lieber Leser, ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, ich hoffe noch auf ein paar warme Tage, vielleicht bekommen wir einen goldenen Oktober. Doch unverkennbar steht uns vor Augen: Es ist Herbst. Die Blätter verfärben sich und bald werden sie fallen.
„Die Blätter fallen, fallen wie von weit, als welkten in den Himmeln ferne Gärten“, so beschreibt Rainer Maria Rilke in seinem Herbstgedicht das Welken und Vergehen, das uns in den Monaten Oktober und November so deutlich vor Augen tritt. Es ist der Kreislauf von Wachsen und Vergehen, der alle Jahre wiederkehrt. Und wir werden erinnert an unsere eigene Sterblichkeit, unser eigenes Vergehen, wenn wir die Blätter fallen sehen: „Wir alle fallen, diese Hand da fällt. Und sieh dir andre an, es ist in allen.“ Und doch ist dieses Gefühl eine trügerische Wahrnehmung. Denn wir gehören nicht in einen Kreislauf: Ja, wir werden geboren und wachsen und altern und vergehen in dieser Welt. Aber wir haben ein Woher – wir kommen von Gott; und wir haben ein Wohin – wir gehen zu Gott. Der Mensch ist kein Teil des Kreislaufs der Natur, auch wenn sich unser Körper nach dem Tod zersetzt.
Weil wir kein Teil des Kreislaufs sind, deswegen sind Ideen, nach dem Tod Nahrung für einen Rosenstock zu sein oder Dünger für einen Baum, der in der eigenen Asche wurzelt, oder mit Blumensamen verstreut zu werden, nur Krücken zur Bewältigung von Verlust und Trauer für diejenigen, die keine Hoffnung haben. Aber wir haben Hoffnung! Unsere Hoffnung steht fest in Jesus Christus. Dieser Hoffnung verleiht der Apostel Paulus Gestalt, wenn er schreibt: Gott, der Christus vom Tod auferweckt hat, wird auch eurem sterblichen Leib das Leben schenken durch seinen Geist, der in euch wohnt (Röm 8,11).
Mit dieser Hoffnung versehen wird der Herbst zum fröhlichen Mahner, die geschenkte Lebens-Zeit gut zu nutzen. Mit dieser Hoffnung versehen wird sogar ein Spaziergang über den Friedhof zum Mutmacher und der Friedhof selbst zum predigenden Ort der Auferstehungshoffnung. Statt von einem vermeintlichen Weiterleben in Bäumen oder auf einer Wiese erzählen die Kapelle und die Kreuze auf dem Friedhof von dem echten, neuen Leben, das Gott für uns bereithält. „Und doch ist EINER, welcher dieses Fallen unendlich sanft in seinen Händen hält.“
Ich freue mich darauf, Ihnen auf dem Friedhof zu begegnen. Dann können wir einander von unserer Hoffnung erzählen.

Ihre Pfrn. Dr. Nikola Schmutzler

August / September 2021

Ihr sät viel und bringt wenig ein; ihr esst und werdet doch nicht satt; ihr trinkt und bleibt doch durstig; ihr kleidet euch, und keinem wird warm; und wer Geld verdient, der legt’s in einen löchrigen Beutel. (Haggai 1,6)

Freuen Sie sich auch schon auf den Urlaub? Oder sind Sie bereits gut erholt zurückgekehrt? Ich selber schreibe diese Zeilen noch voller Vorfreude auf die bevorstehende freie Zeit. Es soll eine Zeit der Erholung sein, eine Zeit der Muße, um wieder neue Kraft zu tanken.
Solche Zeiten sind wichtig! So wichtig, dass es mit dem Jahresurlaub nicht getan ist! Die jüdisch-christliche Tradition weiß deshalb um den wöchentlichen Ruhetag: Du sollst den Feiertag heiligen. Ein Tag pro Woche, der sich abhebt vom Alltag. Ein Tag zum Krafttanken und zur Neuausrichtung des Lebens. Ein Tag pro Woche Regeneration, um Mensch zu sein und zu bleiben. Seit 1700 Jahren ist der Sonntag in Europa staatlich anerkannter und arbeitsfreier Ruhetag zur seelischen Erhebung. Kaiser Konstantin führte ihn im Jahr 321 ein, um den Gottesdienstbesuch am Tag des Herrn zu ermöglichen.
In der jüngeren Vergangenheit steht dieser Ruhetag jedoch immer häufiger zur Disposition. Da ist von Sonntagsöffnungszeiten, verkaufsoffenen Sonntagen und der rollenden 7-Tage-Woche die Rede. Um den Menschen als Geschöpf Gottes geht es dabei nicht mehr, stattdessen wird der Mensch zum Erfüllungsgehilfen des Mammon (= Geld) als Wirtschaftsgötzen.
Sinnvoll ist es freilich nicht, einen Götzen an Gottes Stelle zu setzen und die eigene Geschöpflichkeit zu verleugnen: „Ohne Gott und Sonnenschein bringen wir die Ernte ein“ – das hat schon als DDR-Doktrin nicht funktioniert. Auch im 21. Jahrhundert ist dieser Ansatz zum Scheitern verurteilt, denn die Ernte, die wir ohne Gott und Sonnenschein einbringen, taugt nicht zum Leben: „Ihr sät viel und bringt wenig ein; ihr esst und werdet doch nicht satt; ihr trinkt und bleibt doch durstig; ihr kleidet euch, und keinem wird warm; und wer Geld verdient, der legt’s in einen löchrigen Beutel.“
Diese Worte schrieb der Prophet Haggai bereits vor 2540 Jahren den Israeliten ins Stammbuch. Es ist die gleiche Erfahrung, die auch moderne Menschen machen: Sie geben in ihrem Leben Vollgas, gönnen sich aber keine Ruhe und besinnen sich nicht auf Gott als den Schöpfer ihres Lebens. Sie geben Vollgas, aber es ist, als blockiere jemand die Kupplung: Trotz aller Leistung kommen sie nicht voran, sind sie nicht zufrieden und jagen dem Glück doch immer nur hinterher, ohne es je zu empfinden. Die Crux: Eine Generation, die selbst mit Burnout und Depressionen zu kämpfen hat, will ihre Kinder noch mehr fördern und fordern, damit sie erfolgreich werden: Training, Nachhilfe, Notendruck, aber keine Zeit für Gott.
Lernen wir denn gar nichts aus unserem Leben? Können wir die Zeichen nicht deuten? „Ihr sät viel und bringt wenig ein; ihr esst und werdet doch nicht satt; ihr trinkt und bleibt doch durstig; ihr kleidet euch, und keinem wird warm; und wer Geld verdient, der legt’s in einen löchrigen Beutel.“
Nutzen Sie den Sommer, um sich bewusst zu erholen, und entdecken Sie den Sonntag neu für sich, denn es ist der Tag, der uns unsere Geschöpflichkeit vor Augen stellt – zur Ehre Gottes, des Schöpfers.

Ihre Pfarrerin Dr. Mandy Rabe

Juni/Juli 2021

Gott ist nicht ferne von einem jeden unter uns. Denn in ihm leben und weben und sind wir. (Apostelgeschichte 17,27)

Kennen Sie Gott? Also nicht nur dem Namen nach oder vom Hörensagen? Kennen Sie Gott gut? So, dass Sie mit ihm reden? So, dass Sie an ihn denken – willkürlich und unwillkürlich? – mit festen Zeiten oder spontan? – weil Sie seine Hilfe brauchen oder er Sie überrascht hat?
Kennen Sie Gott? Paulus stellte diese Frage Menschen in Athen. Durch den Monatsspruch im Juli stellt er diese Frage
heute Ihnen. Die Menschen in Athen waren vielfältig interessiert und wussten ihr Leben in der Hand von Gott und Göttern. Sie haben an sie gedacht und ihnen Opfer gebracht, um sie gnädig zu stimmen, damit die Familie gesund blieb, damit ein Handelsgeschäft Gewinn brachte, damit die Ernte üppig ausfiel.
Aber eine echte Beziehung, eine Vertrauensbasis hatten sie zu diesen Göttern nicht, es war eher ein Geschäftsmodell. So wie wir heute für unsere Sicherheit Steuern bezahlen, Krankenkassenbeiträge für die Gesundheit und Handwerker für haushaltsnahe Dienstleistungen. Wie wir Netzwerke spinnen, um Vorteile daraus zu ziehen. Do ut des ‐ ich gebe dir, damit du mir gibst!
Paulus sagt: Wenn Sie Ihre Beziehung zu Gott so leben, kennen Sie Gott nicht. Denn Gott ist ein naher Gott, der Sie kennt, der sich für Ihr Leben interessiert und Tipps und Hilfe für Sie bereithält, weil er Sie liebt. Nicht weil Sie ihm irgendwas geben könnten. Paulus nennt das in Gott leben und weben und sein.
Leben – mit all seinen Facetten, mit dem Feiern und dem Trauern, Neues ausprobieren und im Gewohnten Trott gehen.
Weben – arbeiten, für Geld, für die Familie, um den Tag rumzukriegen, an einer Beziehung.
Sein – mit allem, was ich bin, was mich liebenswert macht und auch das Andere, mit meinen Talenten und meinen Fehlstellen.
Denn Gott ist nicht ferne von einem jeden unter uns. Denn in ihm leben und weben und sind wir.
Lernen Sie Gott kennen in Ihrem Leben. Entdecken Sie ihn im Alltäglichen und im Besonderen. Pflegen Sie Ihre Beziehung zu ihm, denn Gott ist Ihnen nahe. Kommen Sie Gott nahe!

Pfrn. Dr. Nikola Schmutzler